Die letzte Meile meistern

ROT: Meine alten Herrschaften machen sich so langsam auf den letzten Weg.

WEISS: Und du bist ihnen dabei Wegweiser und Stütze?

Es ist vollbracht!

ROT: Leider nein. Ich winke ihnen nur verzweifelt nach, während sie physisch und mental gerade langsam im Nebel verschwinden. Die notdürftige Begleitung haben Profis übernommen. Das ist ziemlich deprimierend.

WEISS: Es gibt tausend Wege in den Himmel. Da muss jeder seinen eigenen finden.

ROT: Wenn es denn so wäre.

WEISS: Eine Schweizer Freundin organisiert gerade für einen Angehörigen den Freitod bei einer Gesellschaft für Sterbehilfe. Der Todeszeitpunkt steht jetzt schon fest: Heute in zwei Wochen. Alles wird bis dahin entsprechend den Wünschen des Sterbewilligen geordnet.

ROT: Ein beeindruckender Abgang. Ist das die Zukunft?

WEISS: Eltern bestimmen doch längst, ob, wann und wie ein Kind ins Leben tritt. Wieso soll der Mensch, der auf seinem Lebensweg in allen Bereichen die Verantwortung für sich selbst übernommen hat,  nicht auch am anderen Ende des Lebens bestimmen, wann und wie er die Erde wieder verlässt. Das "Ob" steht dabei ja - zum Glück - noch nicht zur Debatte.

ROT: Kann das Leben wirklich eine freiwillige Angelegenheit sein? Meiner Beobachtung nach ist es doch wohl eher ein unreflektierter Trieb: Was lebt, will leben. Bis zum letzten Atemzug. Punkt. Gegen den Lebenstrieb ist der Sexualtrieb wahrscheinlich eine Quisquilie.

WEISS: Damit wären wir mitsamt unserer medizinischen Wissenschaft alle Triebtäter: getrieben von dem nackten Willen, uns am Leben zu erhalten.

ROT: Das klingt zwar ziemlich erbärmlich, doch ist das Leben eine wirklich großartige Sache, die unter Billionen Sternen bislang nicht ein zweites Mal gefunden wurde. Wäre das Leben tatsächlich unserer launischen Willkür anheim gestellt, dann hätten wir diesen kosmischen Funken bestimmt längst ausgeblasen.

WEISS: Das soll doch nun gewiss nicht heißen, dass wenn der Lebenstrieb am Ende erschlafft, man ihn mit einem Viagra-Pendant zwanghaft wieder zum Stehen bringen muss. Doch solange er kann, sollte er sich auch regen.

ROT: Der Sterbewillige hat seinen Lebenstrieb also am Ende nicht überwunden (das könnte nur ein Heiliger), sondern stellt nur dessen Tod bei lebendigem Leibe fest.

WEISS: Ja - und dann sollte er auch eine Sterbehilfe bekommen können.

Lasst's Euch schmecken! (Gebt gerne Euren Senf dazu.)
LG Ralf & Thomas

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4.7 (7)

Kommentare:8

Georg

Wie sagte schon Hermann Hesse: „Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen dürfen, die man lange getragen hat, das ist eine köstliche, wunderbare Sache.“

Blöd nur, dass man in Deutschland verpflichtet ist den Eingeschlafenen immer wieder zu wecken und nachzufragen, ob er denn wirklich schlafen will.

Zum Glück hat der BGH vor einigen Wochen den Schlafwunsch über die Weckpflicht gesetzt – zumindest für Amateure.

Ob uns auch Profis straffrei einen störungsfreien Schlaf ermöglichen dürfen, will der BGH noch vor Weihnachten entscheiden.

Ansonsten gilt natürlich unverändert: „morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt…“

Tom

was genau hat der BGH gesagt, hab ich gar nicht en detail auf dem Zettel?

Georg

Der Kreuzzug des BGH gegen das Strafgesetzbuch – und damit für das GG – begann Mitte 2010 mit dem legendären Urteil:

„Abbruch lebenserhaltender Behandlung auf der Grundlage des Patientenwillens ist nicht strafbar“

Mitte diesen Jahres ging es dann um:
„Unterstützung bei Selbsttötungen“

Tom

klasse, danke für die Links, erhellend!!

Matthias

Ich komme gerade aus Yad VaShem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Da erscheint mir diese Pommes doch ein bisschen fettig. Während des Holocaust haben Millionen Juden um ihr Leben gekämpft, auch wenn die Flamme oft schon fast erstickt war – wenn ich heute Interviews von Überlebenden höre, mit welcher Kraft sie hinterher Neues gedacht und getan haben, kommt mir das Auslöschen von Leben in JEDEM Fall so anmaßend vor. Es würgt mich körperlich bei der Vorstellung, dass Menschen darüber entscheiden, was lebenswert ist, selbst bei ihrem eigenen Leben.
Sollten wir die Energie nicht lieber darauf verwenden, den Sterbenden würdige Umgebungen zu gestalten und sie zu stützen? Wieviele wollen auch sterben, weil sie einsam sind in Krankheit und Schmerz und im Sterben einen kurzen Ausweg aus einer schwierigsten Lage erhoffen?
Gerald Hüther schreibt über die Würde: drei Faktoren braucht es: die Lage verstehen können, Gestaltungsmöglichkeit sehen, einen Sinn im eigenen Handeln erkennen. Hier können wir ansetzen, oder?

Tom

Seit ich als Schüler in Dachau war, habe ich einen besonders geschärften Blick auf dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte, das Du ansprichst. Ich kann Deine Übelkeit nachempfinden, ging mir mal wieder so, als ich im Podcast „Erlebte Geschichten“ WDR 5 dem Ausschwitz Überlebenden Noah Klinger zugehört habe.
Gleichwohl geht es uns hier nicht um Euthanasie, sondern um Selbstbestimmung. Und ich habe größten Respekt vor Menschen, die selbstbestimmt für sich ein Ende setzen. Und wenn nach Hüther jemand keinen Sinn mehr im eigenen Handeln erkennt……ich bin für Freiheit….

Georg

@Matthias, mir kommt es genauso anmaßend vor, dass eine Pflegeeinrichtung dank der medizinischen Fortschritte mit Magensonden und weitgehend automatischen Wendebetten mich gegen meinen Willen fast beliebig lange zwischen Leben und Tod gefangen halten kann. Der Rekord liegt bei 39 Jahren…. In dem Gerichtsfall, der dann 2010 vom BGH zu Gunsten des Patientenwillen entschieden wurde, hatte die Tochter den Schlauch der Magensonde, die Ihre komatöse Mutter entgegen deren Willen am Leben hielt, durchschnitten. Wegen des dadurch frühzeitig verstorbenen Pflegefalls (siehe 39 Jahre Rekord) hatte die Pflegeeinrichtung in den ersten Instanzen die Tochter sogar noch auf entgangenen Gewinn verklagt… Aber ein aktueller Sterbehilfe-Fall aus den Niederlanden macht die Schwierigkeiten mit dem Patientenwillen deutlich: „Klar bei Verstand hatte eine Frau im Jahr 2012 schriftlich verfügt: Sie wolle euthanasiert werden, wenn ihre Demenz fortgeschritten sei. Vier Jahre später hat eine Ärztin ohne Vorankündigung der nun schwer an Demenz erkrankten 74-jährigen Frau zunächst ein Schlafmittel in den Kaffee gerührt. Bei der folgenden tödlichen Injektion aber wurde die alte Dame doch noch wach. Sie schien sich aufsetzen und die Infusion abwehren zu wollen. Sie fluchte. Die Ärztin setzte sich körperlich gegen sie durch, wenig später war die Alzheimer-Patientin tot.“ So formuliert spricht alles für einen heimtückischen… Weiterlesen »

:jo

Die Einen fragen sich warum sie nicht sterben dürfen wenn sie es möchten.
Und auf der anderen Seite sterben täglich tausende Menschen, die niemand fragt, ob sie leben möchten, sie verhungern einfach oder werden ermordet.
Keine Ahnung was ich auf meiner letzten Meile machen werde.
Jetzt beschäftige mich erst einmal weiter damit, was ich in dem
Hier und Heute mache.