Heimat haben ist gut…

ROT: Wo machst du denn Hitzefrei dieses Jahr?

WEISS: In der Heimat.

ROT: Wo bitte soll das denn sein? Der Ort deiner Kindheit, das Sauerland, Deutschland, der deutsche Sprachraum, Europa?

"Lange lieb ich dich schon und möchte dich, mir zu Lust, Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah... (Hölderlin)

WEISS: Heimisch bin ich da, wo ich mich verstanden fühle.

ROT: Dann musst du Querkopf den Sommer wohl in den eigenen vier Wänden verbringen.

WEISS: Im Ernst! Das Verstehen umfasst alles: Landschaft, Sprache, Humor, Geschmack, Mode, Gewohnheiten…

ROT: Und ab wann wird’s spießig?

WEISS: Wenn die heimischen vier Wände keine Türen und Fenster mehr haben, durch die Bekannte und Unbekannte herein- und vorbeischauen können. Und man selbst nicht mehr vor die Tür kommt, um sich von dem anregen zu lassen, was draußen in der Welt so vor sich geht.

ROT: Leben wir kulturell nicht längst schon und besser in einer riesigen Gemeinschaftsunterkunft, in der alles bunt durcheinander geht und sich jeder nach dem postmodernen Credo anything goes frei bedienen kann ?

WEISS: Heimat ist immer ein Raum, der von dem, was nicht Heimat ist, abgegrenzt ist.

ROT: Das heißt Heimat und Multikulti sind für Dich Gegensätze?

WEISS: Heimat ist immer ein Kollektiv. Schau Dir mal die Tracht als Beispiel an. Die Norweger haben fast alle eine regionale Tracht im Schrank, die am Nationalfeiertag selbstverständlich ausgepackt und getragen wird. Das Individuum dagegen wählt eine Verkleidung, die in ihrer Austauschbarkeit lediglich Mode ist. Das Individuelle trägt so in der Tendenz die Zerstörung des Heimatlichen in sich. Wir sind da hierzulande inzwischen ziemlich weit gekommen.

ROT: Schließlich wird so Heimat zum bloßen Sehnsuchtsort für den inzwischen unbehausten Zeitgenossen und die Erinnerung daran zur Folklore?

WEISS: So ist es wohl. Aber jeder Verlust ist immer auch ein Gewinn:

Heimat haben ist gut,
Süß der Schlummer unter eigenem Dach,
Kinder, Garten und Hund.
Aber ach…
Leichter wahrlich ist alle Wanderqual,
Leichter als Friedefinden Im Heimattal,
Wo in heimischer Freuden und Sorgen Kreis
Nur der Weise sein Glück zu bauen weiß.
Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden,
Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden,
Denn auch im Glücke kann ich auf Erden
Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden.
(Hermann Hesse)

Lasst's Euch schmecken! (Gebt gerne Euren Senf dazu.)
LG Ralf & Thomas

Kommentare:6

Georg

„Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden…“?

Na ja – den Texten von Hermann merkt man halt ihr Alter an. In der heutigen Zeit empfinde ich einen erfolgreichen WiFi Login schon sehr erstrebenswert. Und das klappt ja immer besser auch außerhalb meiner eigenen vier Wände.

=> home is a place with auto WiFi connect

🍺😎

Frankl Zankl

Früher war die Welt meine Heimat, aber nach und nach habe ich gemerkt, dass ich mich überall sehr anpassen muss. Mit der Liebsten nackt in die Wellen springen geht selten gut, Essen worauf ich Lust und Laune habe ist in recht vielen Ländern stark eingeschränkt, einen Champagner am Pool oder ein Bier nach dem Radeln kommt nicht immer gut an, mein schwarzer Humor kann schnell in schwarzen Zellen enden oder mal zu schnell über eine übersichtliche Landstraße düsen kann mit stählernen Eisenringen an den Handgelenken ein unvergleichbares Erlebnis werden. Heimat ist da, wo ich mich nicht verbiegen muss, wo mich… Weiterlesen »

Christof Kerscher

Und deshalb hält sich Heimat selten an Verwaltungsgrenzen wie Länder. Für mich hat es viel mit Menschen zu tun, mit der Sprache, mit dem Gefühl sich zugehörig fühlen zu wollen und das im Optimalfall auch von anderen so gesehen wird. Für mich ist mein Geburtsland in Südamerika genauso Heimat wie München, obwohl ich in ersterem zusammengenommen nur ein Jahr gelebt habe. Wenn ich in München chilenischen Dialekt auf der Straße fühle fühlt sich das heimisch an, wenn ich oberbayerisch in den Rocky Mountains höre ebenso.

Charly

Richtig Klasse! Genau auf diese Velust der Heimat baut doch die Sch… AFD auf und schürt jede Menge Hass und Zwist in der Bevölkerung!!!! Danke für den Beitrag!!! LG, Charly

Satiner

Klasse Beitrag.

Er sollte nur nicht für die Platzierung politischer Seitenhiebe missbraucht werden.

Völlig fehl am Platze!

Wenn man will, kann man nämlich wirklich in jedem Satz eines jeden auch immer ein zweideutiges Politikum sehen. Oder man lässt das einfach sein und geniesst diese wunderbar herrliche Wortakrobatik…

Beim nächsten Mal besser machen.

: jo

Für mich persönlich spielt der Heimatgedanke und Tradition zwar keine Rolle, aber wenn man allen Völkern das gleiche Recht einräumt und keine Wertung vornimmt, sehe ich hier auch kein Problem.