Diskretion in der Aufmerksamkeitsökonomie

ROT: Wenn du mich fragst, dann ist Mark Zuckerberg in Holland auf die Idee für sein Facebook gekommen. Dort guckst du am Abend durch die Windows und siehst die Wohnzimmeraccounts der Einheimischen in Full HD: Sie posten sich beim Abendessen, beim Spiel mit den Kindern, beim Fernsehen, am Schreibtisch. Und Unanständiges siehst du, wie bei Facebook, nirgends. Da musst du schon ins Dark-Street-Net gehen...

Mark Zuckerberg - "I'm CEO Bitch"

WEISS: Ja und?

ROT: Wenn du als Deutscher - geprägt von unserem strengen Gardinenschutz - durch die Gassen scrollst, fängst du bei soviel Offenheit automatisch an zu gaffen, surfst von Adresse zu Adresse und verläufst dich dabei natürlich. Eigentlich wolltest du direkt ins Rijksmuseum, um echte Kunst zu sehen. Stattdessen bleibt dein Blick an den billigen Van Gogh-Kopien, an Souvenirs, sonstigem Kitsch in den Wohnzimmern und natürlich an den unvermeidlichen süßen Kätzchen hängen. Die ersten drei Tage ist das wahnsinnig spannend, doch dann nervt diese kostenlose Banalität des Alltäglichen nur noch. Dann willst du das Besondere und landest  doch im  Van Gogh-Bezahl-Museum.

WEISS: Stimmt - solange allgemein Diskretion geboten ist, bleibt der Blick durch das zufällig offene Fenster aufregend und spannend. Sobald aber niemand mehr Gardinen hat, guckt man auch nirgends mehr hin.

ROT: Und so hat man mehr Licht im Zimmer - und einen freien Blick auf die Straße.

WEISS: Den Holländern macht es offenbar nichts aus, wenn Passanten ins Fenster schauen - sie haben ja schließlich nichts zu verbergen. So erzielen sie Diskretion durch Indiskretion.

ROT: Die Facebook-User erscheinen mir dagegen als Super-Holländer, indem sie sogar ausdrücklich wollen, dass man ihnen direkt und möglichst lange ins digitale Wohnzimmer schaut. Man soll ihnen dabei möglichst noch zuwinken und idealerweise noch ein kleines Schwätzchen halten.

WEISS: Und da man als virtueller Passant aber nicht an allen Windows stehen bleiben kann, werden nun Heerscharen von Beratern engagiert, die die digitalen Wohnzimmer auf ihren Aufmerksamkeitswert hin optimieren.

ROT: Ich fasse das mal so zusammen: In der Heimat ziehen wir diskret die Gardinen zu, in Holland spannen wir indiskret in die Wohnzimmer und im Worldwideweb prostituieren wir unser Privatleben in aller Freimütigkeit - das ist krass!

Lasst's Euch schmecken! (Gebt gerne Euren Senf dazu.)
LG Ralf & Thomas

Wie lecker findest Du diese Portion?

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Kommentare:4

Georg

Facebook ist kein Fenster in ein Leben – eher als ob man in sein Fenster eine Leinwand hängt, auf die in einer Endlosschleife ein Imagefilm projiziert wird.

Facebook ist wie ein ewiges Klassentreffen:
Schule hier, Uni da, danach war ich Prinz und nun bin ich König von sowieso.

„Mein Hund, meine Kutsche, mein Ponyhof…“

„Ich als Zahnarzfrau…“

„Meine Name ist DOKTOR Guttenberg …“

„Wer gut ist, sollte auch gut aussehen.“

„The Show must go on!“

Wir sind eine Fassaden-Gesellschaft:
Schein ist wichtiger als das Sein.
Wie ein ewiges Casting – nur für welche Rolle?

Thomas

..für die Rolle eines glücklichen Lebens?…vielleicht scheint der Schein nur wichtiger zu sein, als das Sein? Ich bin sicher: was nur scheint, mag glänzen, aber auf Dauer überdauert nur das wahre Edelmetall….nicht die Legierung

Tina (schreibundseele.de)

Ich muss gestehen, ich glotze ungemein gerne in anderer Leute Fenster. Besonders an Weihnachten und stelle mir dann vor, wie sie alle harmonisch unterm Baum sitzen. Ich fürchte nur, dass meine Phantasie da immer etwas übertreibt und ich die Familien-Streits dort ebenso wenig sehe wie bei Facebook. Vielleicht ja auch gut so. So ein bisschen schöne Welt geht immer. 🙂

:jo

Jeder muss selbst wissen wieviel er von sich preis gibt.
Und jeder kann entscheiden, was er sich anschauen muss.
Für mich hört der Spaß auf, wenn Menschen ungefragt zur Schau gestellt werden.
Zum Beispiel wenn Eltern das Treiben ihrer Kinder veröffentlichen.